Black-Box-Crash

Black-Box-Crash

An der Wall Street ist zum Wochenstart Panik ausgebrochen. Der US-Leitindex Dow Jones Industrial sackte am Montag zeitweise um knapp 1600 Zähler ab und damit um so viele Punkte wie nie zuvor an einem einzelnen Handelstag. Die bisherigen Jahresgewinne lösten sich rasend schnell in Luft auf, ebenso wie die seit Anfang Dezember erzielten Gewinne. Auch am deutschen Aktienmarkt ist nach dem jüngsten Rückschlag die Stimmung zum Wochenstart trüb geblieben. Der DAX schloss am Montag mit einem Minus von 0,76 Prozent bei 12.687,49 Punkten.

Was sind die Gründe?

Immer wieder werden Zinsängste genannt. Gemeint sind damit die Befürchtungen, dass die amerikanische Notenbank in diesem und im nächsten Jahr insgesamt bis zu acht Zinserhöhungen vornimmt. Solche Erwartungen haben sich nach der Fed-Sitzung vom 31. Januar zunehmend durchgesetzt. Es ist zu bezweifeln, ob es wirklich dazu kommen wird. Selbst die für März von der Fed erwartete Zinserhöhung ist nach den Kursrutschen der letzten Tage unwahrscheinlicher geworden – nach wie vor sollte man den „Notenbank-Put“ nicht unterschätzen. Gemeint ist damit die Bereitschaft der Notenbanken, Negativentwicklungen auf den Finanzmärkten nicht noch durch die eigene Politik zu verstärken. Im Gegenteil: Es ist sogar möglich, dass von Seiten der Notenbanken alsbald Entwarnungssignale gesendet werden, Zinssorgen könnten sich also wieder verflüchtigen. Die Märkte würden sich beruhigen und besinnen können, ihre Akteure ebenfalls.

Die Gewinnberichterstattung verläuft bislang ohne Enttäuschungen. In den USA haben etwas über 40 Prozent der Unternehmen berichtet, mehr als drei Viertel davon haben die Erwartungen (gemessen am Gewinn je Aktie, auch Earnings per share, kurz EPS genannt) übertroffen; auch die Ausblicke waren überwiegend positiv. Ähnlich sieht es in Europa und Asien aus, allerdings ist hier die Berichtsquote noch geringer.

Finanzmärkte neigen zu „überschießenden“ Reaktionen. Insbesondere nachdem am Montag im Handelsverlauf technische Marken nach unten gerissen worden sind, war kaum noch Unterstützung vorhanden. Dieses Muster ist wenig überraschend. Denn Trendfolgestrategien, Strategien mit Volatilitäts-Targeting oder Hedging-Strategien werden modellimmanent zu gezwungenen Verkäufern, was Montagnachmittag den „Flash-Crash“ in den USA stark befeuerte und zum Absacken im Dow Jones unter 24.000 Punkte geführt hat. Es ist nicht auszuschließen, dass in den kommenden Tagen Manager solcher systematischen Strategien zu weiteren Portfolioanpassungen gezwungen sind und ihr Aktienexposure verringern, sofern es nicht zum (auch möglichen) Aussetzen von Verkäufen kommt (Overruling). Letztlich hat der Ausverkauf vom Montag, der sich am Dienstag über Asien hinweggezogen hat, einen gewissen „Black-Box“-Charakter.

Wo liegen die Risiken?

Die Erfahrungen aus ähnlichen früheren Ereignissen zeigen, dass die Gegenbewegungen scharf ausfallen können – dann nach oben. Und eventuell mit Hilfe von Unterstützung eben jener Institutionen – nämlich der Notenbanken –, die jetzt mit zu den Auslösern des Kursverfalls gezählt haben. Nur im Falle ernster wirtschaftlicher Krisen sind anhaltende Abwärtsbewegungen auf den Aktienmärkten zu erwarten. Echte Krisen können wir derzeit nicht erkennen, es sei denn, es kommt wie 2008 zu einem Spillover von der Finanzmarktsphäre auf die Realwirtschaft. Jedoch war damals die Situation eine andere, weil Überschuldungen zu Assetverkäufen geführt haben (Stichwort „Bilanzrezession“). Davon streng zu unterscheiden sind die oben erwähnten systematischen Strategien, die trendverstärkend nach unten wirken können. Ob sich dieses Risiko materialisiert, werden die nächsten Tage zeigen.

Burkhard Allgeier hält die Position als Chief Investment Officer (CIO) von Hauck & Aufhäuser Privatbankiers und easyfolio inne.

 

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