Ein Zinscrash ist unwahrscheinlich

Ein Zinscrash ist unwahrscheinlich

Fundamental betrachtet gelten derzeit steigende Zinsen wohl als das größte Risiko an den Aktienmärkten. In den USA sind die Renditen von zehnjährigen Staatsanleihen bereits auf drei Prozent geklettert. Doch eine noch schärfere Korrektur am Anleihenmarkt ist kaum wahrscheinlich.

Die Zusammenhänge sind in der Theorie klar: Wenn die Zinsen steigen, müssen Staaten oder Immobilienbesitzer mehr Geld für geliehenes Kapital zahlen. Das gilt natürlich auch für Unternehmen, was dann deren Gewinne mindert. Daher sind steigende Zinsen eigentlich Gift für den Aktienmarkt. Dazu kommt, dass bei höheren Renditen Anleihen im Vergleich zu Aktien wieder an Attraktivität gewinnen. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Denn die Aussage, dass die Aktienbörsen in Zeiten von steigenden Zinsen verlieren, ist so pauschal nicht richtig. Vielmehr können Aktienkurse häufig trotz beziehungsweise gerade aufgrund der steigenden Zinsen zulegen. Warum? Weil höhere Zinsen ein Zeichen einer brummenden Konjunktur sind. Das ist wiederum mit Gewinnsteigerungen bei den Unternehmen verbunden, die wohl die wichtigste Antriebskraft für höhere Aktienkurse sind.

So scheint es auch dieses Mal zu sein. In den USA wächst die Wirtschaft in diesem Jahr laut Prognose des Internationalen Währungsfonds im Vergleich zum Vorjahr um 2,7 Prozent. Auch in der Euro-Zone haben sich die wirtschaftlichen Aussichten deutlich verbessert. Im vergangenen Jahr dürften alle europäischen Länder wieder positive Wachstumsraten verzeichnet haben.

Notenbanken bleiben expansiv

Dazu kommt, dass die Geldpolitik der wichtigsten Notenbanken vorerst insgesamt locker bleibt. Zwar hat die amerikanische Fed die Leitzinsen schon insgesamt sechs Mal auf mittlerweile 1,5 bis 1,75 Prozent erhöht. Doch im historischen Vergleich ist das Niveau immer noch niedrig. Zur Erinnerung: Im Jahr 2007 lagen die US-Zinsen bis vor dem Ausbruch der Finanzkrise bei mehr als fünf Prozent. Selbst wenn die Fed dieses Jahr wie erwartet noch zwei Mal an der Zinsschraube dreht, lägen die Leitzinsen nicht einmal halb so hoch wie vor gut zehn Jahren.

Während die Fed auf einem niedrigen Niveau die Zügel zumindest etwas angezogen hat, betreiben die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of Japan (BoJ) weiter eine expansive Geldpolitik und kaufen jeden Monat umfangreich Anleihen, was deren Kurse stützt und die Renditen begrenzt. Von der EZB wird zwar eine Einstellung ihres Anleihenkaufprogramms erwartet. Mit einer ersten Leitzinserhöhung rechnen die Börsianer jedoch nicht vor Mai 2019.

Außerdem kommt es weniger auf das nominelle Zinsniveau an, sondern mehr auf das reale. In den USA stiegen die Verbraucherpreise zuletzt um 2,4 Prozent. Nach Abzug der Inflation rentieren zehnjährige US-Staatsanleihen also gerade einmal mit 0,6 Prozent. Damit sind sie im Vergleich zu Aktien weiterhin nicht übermäßig attraktiv. In der Eurozone belief sich die Teuerungsrate im März auf 1,3 Prozent. Bei einer nominalen Rendite von zehnjährigen Bundesanleihen in Höhe von 0,6 Prozent ist die reale Verzinsung, also nach Abzug der Teuerungsrate, sogar weiterhin negativ.

Gefährlich würde es für die Aktienmärkte dann, wenn die Zinsen sehr schnell steigen. Das ist bislang jedoch noch nicht zu beobachten, ein Zinscrash ist nicht in Sicht. Interessant ist die Situation vor allem dann, wenn die kurzfristigen Zinsen schneller und stärker steigen als die langfristigen, sich die Zinsstrukturkurve also abflacht. Dies passiert, wenn kurzfristig eine hohe beziehungsweise stark steigende Inflation mit Zinserhöhungen bekämpft werden soll, gleichzeitig die Erwartungen der Investoren bezüglich der Inflation in der Zukunft jedoch sinken. Dies spiegelt die Erwartung eines abnehmenden Wirtschaftswachstums wider und ist somit häufig der Vorbote einer Rezession. In dieser Situation sind Aktien historisch ein schlechtes Investment, weil die Unternehmensgewinne dann nicht mehr steigen oder sogar sinken.

Auch wenn die Volatilität an den Märkten zugenommen hat, sind die Aussichten für Aktien alleine wegen der etwas gestiegenen Zinsen nicht schlecht. Ein Rezessions-Szenario ist derzeit nicht zu erkennen. Dies ist auch an den Markterwartungen bezüglich der Unternehmensgewinne in diesem Jahr abzulesen – sie sind positiv.

Burkhard Allgeier hält die Position als Chief Investment Officer (CIO) von Hauck & Aufhäuser Privatbankiers und easyfolio inne.

 

 

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