Glokal: Global investieren mit lokaler Expertise

Glokal: Global investieren mit lokaler Expertise

Der Dax hat als Kursindex, also ohne die Berücksichtigung von Dividenden, in den zurückliegenden zehn Jahren keine 20 Prozent zugelegt. Der Dow Jones, der ebenfalls Gewinnausschüttungen nicht mit einrechnet, ist in diesem Zeitraum um mehr als 50 Prozent gestiegen. Dieser einfache Vergleich verdeutlicht, wie wichtig die regionale Diversifikation für den Erfolg in der Geldanlage ist. Die weltweite Streuung ist gewissermaßen der einzige „free lunch“, den es an den Finanzmärkten gibt – und diesen sollten sich Anleger auf keinen Fall entgehen lassen.

Durch einen globalen, breit gestreuten Investmentansatz lassen sich die international verschiedenen Wachstumstrends und die damit verbundenen Chancen nutzen und gleichzeitig Risiken, die aus einem zunehmenden Protektionismus resultieren, zumindest vermindern. In der vernetzten Welt von heute ist das auch für Fondsmanager mit einer überschaubaren Größe von Deutschland aus möglich. Voraussetzung ist allerdings, dass der Investmentansatz auf quantitativen Fakten aufbaut, die überall auf der Welt zugänglich sind, und diese systematisch aufbereitet werden.

Bei Aktien gibt es sechs Faktoren, mit denen sich der Gesamtmarkt schlagen lässt:

1. Bewertung: Attraktiv bewertete Wertpapiere liefern häufig eine überdurchschnittliche Wertentwicklung. Die Bewertung lässt sich am Kurs-Buch-, Kurs-Gewinn- und Kurs-Umsatz-Verhältnis festmachen.

2. Momentum: Anleger verhalten sich wie eine Herde, bei der alle in eine Richtung rennen. Das erklärt, warum eine gute Kursentwicklung aus der Vergangenheit auch auf eine positive Performance in der Zukunft hinweist. Titel mit einer starken Wertentwicklung auf Sicht von drei, sechs und zwölf Monaten sind häufig aussichtsreich.

3. Volatilität: Werte, deren Kurse nur wenig schwanken, entwickeln sich meistens besser als der Gesamtmarkt. Denn risikoärmere Aktien generieren in der Regel eine höhere risikoadjustierte Rendite.

4. Dividende: Wertpapiere mit einer hohen und wachsenden Gewinnbeteiligung bei einer angemessenen Ausschüttungsquote liefern einen stetigen Einkommensstrom. Daher sind sie überdurchschnittlich viel gefragt.

5. Wachstum: Unternehmen mit einem überdurchschnittlichen Gewinnwachstum verzeichnen regelmäßig eine bessere Wertentwicklung als der breite Markt.

6. Qualität: Firmen mit einer hohen Eigenkapitalrendite und einer stabilen Gewinnentwicklung verfügen über Wettbewerbsvorteile, die sich in höheren Renditen auszahlen.

Mit diesen sechs Faktoren ist es möglich, regelgebunden ein weltweit breit gestreutes Aktienportfolio aufzubauen, getreu dem Motto der sogenannten Glokalisierung, wie wir sie aus der Industrie kennen: die Herstellung lokaler systemischer Wettbewerbsfähigkeit einerseits und die Einbindung in den Weltmarkt andererseits.

Globaler Ansatz bei Anleihen noch wichtiger

Eine weltweite Diversifizierung ist im Rentenbereich vielleicht sogar noch entscheidender für den Anlageerfolg als bei Aktien. Auch hier ein Beispiel zur Verdeutlichung: Amerikanische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit warfen Ende Mai eine Rendite von 2,2 Prozent ab. Deutsche Bundesanleihen mit derselben Laufzeit rentierten dagegen gerade einmal mit 0,4 Prozent.

Ein Blick in das vergangene Jahr zeigt noch deutlicher, wie groß die Renditeunterschiede bei Anleihen sind, woraus sich erhebliche Chancen, jedoch auch signifikante Risiken ergeben. 2016 schnitten amerikanische High Yield Bonds mit einem Gesamtertrag von 17 Prozent mit Abstand am besten ab. Europäische Risikoanleihen lieferten nur einen gut halb so hohen Ertrag. Beide Angaben beziehen sich auf lokale Währungen. Berücksichtigt man noch die vierprozentige Aufwertung des Dollars gegenüber dem Euro im vergangenen Jahr, wird der Abstand noch größer. Diese erheblichen Renditeunterschiede weisen klar darauf hin, dass sich im Rentenbereich nur mit einer breiten regionalen Streuung sämtliche Ertragschancen nutzen lassen.

Auch im Rentenbereich kommt es auf die richtige Auswahl und Interpretation der entscheidenden quantitativen Faktoren wie Renditekurven, Risikoaufschläge oder Währungsverschiebungen an. Aussichtsreich ist derzeit zum Beispiel eine sogenannte Kredithantel. Dabei werden bei einer globalen Aufstellung amerikanische Staatsanleihen hoch gewichtet und mit High Yield Bonds aus Europa kombiniert, was ein überdurchschnittliches Chance/Risiko-Verhältnis verspricht. Auch dieser globale Ansatz lässt sich von einer lokalen Präsenz aus umsetzen – gewissermaßen glokal.

ReinhardPfingstenQuerAls einer der führenden Köpfe von Hauck & Aufhäusers Privatbankiers und medienpräsenter Geldanlage-Experte, hält Reinhard Pfingsten seit Mai 2016 zudem die Position als Chief Investment Officer (CIO) von easyfolio inne. In seinen Kommentaren schreibt er, was die Weltwirtschaft derzeit bewegt.

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