Konjunktur: Abschwächung oder Abschwung?

Konjunktur: Abschwächung oder Abschwung?

Neben dem eskalierenden Handelsstreit mit den USA haben zuletzt vor allem Konjunktursorgen die Stimmung an den Aktienmärkten belastet. Der wichtige deutsche Frühindikator ifo-Index fiel fünf Monate in Folge, bevor er sich im Mai zumindest stabilisierte. Im Juni gab der ifo-Index dann schon wieder weiter nach. „Der Rückenwind für die deutsche Wirtschaft flaut ab“ – so lautet die aktuelle Einschätzung der Münchner Konjunkturforscher.

Nicht nur der ifo-Index, sondern auch die deutschen Auftragseingänge der Industrie und die Exporte entwickelten sich seit Jahresbeginn schwächer als erwartet. In anderen europäischen Staaten ließ die konjunkturelle Dynamik ebenfalls nach. Die realen Wachstumsraten der europäischen Volkswirtschaften konnten im ersten Quartal 2018 nicht an die Zuwächse vom Vorjahr 2017 anknüpfen. In Deutschland wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit 0,3% im Vergleich zum Vorquartal sogar nach langsamer als der europäische Durchschnitt. Dieser lag beim 0,4%. Maßgeblich dafür waren rückläufige Exporte (-1,0%) und schwächere Konsumausgaben des Staates (-0,5%).

Allerdings gab es verschiedene Sondereffekte, die das Wirtschaftswachstum in den ersten drei Monaten 2018 bremsten: Dazu zählten eine ausgeprägte Grippe-Welle und vergleichsweise viele Streiktage. Außerdem lag der Karfreitag in diesem Jahr noch im ersten Quartal. Im Vorjahr begannen die Osterfeiertage erst Mitte April. Dazu kam noch der zwischenzeitlich recht feste Euro, der gegenüber dem US-Dollar im Januar und Februar von 1,20 in der Spitze auf 1,25 aufwertete, was die Exporte außerhalb der Euro-Zone belastet haben dürfte.

Abschwung unwahrscheinlich

Angesichts der aktuellen ökonomischen Rahmendaten dürfte es sich jedoch eher um eine zwischenzeitliche Abschwächung des deutschen Wirtschaftswachstums handeln. Ein nachhaltiger Abschwung scheint weniger wahrscheinlich. So ist die Zahl der Erwerbstätigen in diesem Jahr bis Ende Mai um 240.000 oder 0,5% gestiegen. Im Jahresvergleich gibt es sogar rund 600.000 mehr Beschäftigte. Das sorgt für spürbar steigende Einkommen der privaten Haushalte. Korrespondierend dazu verzeichneten die privaten Konsumausgaben im ersten Quartal ein deutliches Plus (+0,4%). Auch die Bruttoinvestitionen zogen merklich zum Vorquartal an (+1,7%) – unterstützt vor allem durch den Bausektor (+2,1%).

Die exzellente Beschäftigungslage und die gestiegenen verfügbaren Einkommen (Q1 2018: +3,3%) lassen in der zweiten Jahreshälfte in Deutschland einen weiterhin robusten Binnenkonsum erwarten. Daneben wird die für 2019 beschlossene paritätische Finanzierung in der gesetzlichen Krankenkasse die privaten Konsumausgaben unterstützen.

Dazu kommen noch die verabschiedeten Ausgabenpläne der deutschen Bundesregierung, die für die nächsten Jahre kräftige Erhöhungen vorsehen, zum Beispiel für die Aufstockung des Kindergeldes und Kinderfreibetrages oder die staatliche Unterstützung beim sozialen Wohnungsbau. Sie dürften den Staatskonsum wieder steigen lassen.

Insbesondere für 2019 sieht der Koalitionsvertrag einen fiskalischen Impuls durch Mehrausgaben – im Vergleich zum Vorjahr – von mehr als 13 Milliarden Euro vor. Der Betrag entspricht immerhin 0,4% des deutschen BIP. Der für 2021 geplante schrittweise Abbau des Solidaritätszuschlags in Höhe von 10 Milliarden Euro wird für einen weiteren fiskalischen Stimulus sorgen, der insbesondere untere und mittlere Einkommen entlasten soll.

Gute Rahmenbedingungen für Exporte

Nicht nur für den Binnenkonsum, auch für die Ausfuhren sieht es eigentlich nicht schlecht aus. Die Weltwirtschaft wird dieses und kommendes Jahr laut aktueller Prognosen um jeweils 3,9% wachsen. Das ist das größte Plus seit sieben Jahren. Gleichzeitig hat der Euro gegenüber dem US-Dollar seit seinem Hoch im Februar rund 7% an Wert verloren. Das verbilligt europäische Waren und Dienstleistungen außerhalb der Euro-Zone und verbessert deren preisliche Wettbewerbsfähigkeit.

Trotz dieser insgesamt guten Rahmenbedingungen gibt es spürbare Risiken, die die Konjunktur und die internationalen Aktienmärkte in den kommenden Monaten belasten könnten. An erster Stelle ist sicherlich ein drohender Handelskrieg der USA mit Europa und China zu nennen. Dazu kommen geopolitische Risiken wie die europaskeptische Regierung in Italien oder der bislang noch nicht klar geregelte Brexit. Schließlich könnte die amerikanische Notenbank Fed aufgrund von Inflationssorgen die Leitzinsen zu schnell und stark erhöhen und damit die US-Konjunktur abwürgen.

Angesichts der – zumindest zwischenzeitlich – etwas geringeren konjunkturellen Dynamik und der genannten Risiken halten wir vorerst an unserer neutralen Gewichtung von Aktien fest.

Burkhard Allgeier hält die Position als Chief Investment Officer (CIO) von Hauck & Aufhäuser Privatbankiers und easyfolio inne.

 

 

Bleiben Sie auf dem Laufenden...
...und melden Sie sich zum Newsletter an Jetzt anmelden

Weitere interessante Artikel

  • Aktienmärkte trotzen ifo-Index Ein robustes Wirtschaftswachstum ist die Grundlage für wachsende Unternehmensgewinne. Die sind wiederum die wichtigste Basis für steigende Aktienkurse. Anleger beobachten daher genau das ifo Geschäftsklima, das als der bedeutendste Frühindikator für die wirtschaftliche Entwicklung in […]
  • Die Aussichten für Aktien sind durchmischt Die Schwankungen an den Aktienmärkten haben in der ersten Hälfte des laufenden Jahres spürbar zugenommen. Im Februar waren es Inflationssorgen und Zinsängste, die die Anleger beunruhigten. Im Mai sorgte dann die schwierige Regierungsbildung in Italien für Unruhe, bevor im Juni der […]