Marktkommentar: Die Zeit für Konjunkturprogramme ist gekommen

Marktkommentar: Die Zeit für Konjunkturprogramme ist gekommen

Die Notenbanken haben ihre Mittel weitgehend ausgeschöpft. Das gilt vor allem für die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of Japan, die jeden Monat für Milliardenbeträge Anleihen und (in Japan) Aktien kaufen. Auch die amerikanische Notenbank Fed und die Bank of England haben die Zinsen in Richtung null Prozent geschleust und umfangreiche Wertpapierkaufprogramme durchgeführt.

Das alles hatte seine Berechtigung, da die Geldpolitik schnell reagieren kann. Mit ihren Eingriffen haben die großen internationalen Notenbanken immerhin eine erneute Rezession verhindert, so richtig in Gang kommt die Konjunktur jedoch nicht. Die Geldpolitik stößt an ihre Grenzen. Das zeigt sich auch an der Inflation. Sie ist nach wie vor weit von dem Ziel von knapp zwei Prozent entfernt.

Vor diesem Hintergrund werden die Forderungen nach fiskalischen Maßnahmen lauter: „EZB-Chef Mario Draghi mahnte in der September-Sitzung erneut an, dass „alle Länder eine wachstumsfreundliche Fiskalpolitik verfolgen sollten“. Die OECD appelliert an die Staaten, die Möglichkeiten des Niedrigzinsumfelds zu nutzen, um wachstumsfördernde Maßnahmen zu unternehmen. Die Staats- und Regierungschefs der 20 größten Industrie- und Schwellenländer (G20) waren sich ebenfalls auf ihrem letzten Treffen im chinesischen Hangzhou einig, alle Politikmittel einsetzen zu wollen, um das wirtschaftliche Wachstum anzukurbeln.

Reformen, Steuersenkungen und Ausgabenprogramme

Es gibt verschiedene Maßnahmen, wie der Staat das Wirtschaftswachstum unterstützen kann. So können Reformen die Effizienz von Volkswirtschaften steigern. Aus dem jüngsten OECD-Bericht geht hervor, dass die Staaten des Euroraums, allen voran die Peripheriestaaten, sich in den vergangenen Jahren bemüht haben, Verkrustungen aufzubrechen. Allerdings hat das Reformtempo zuletzt nach OECD-Angaben nachgelassen. Aus Politikersicht verursachen Reformen erst einmal Kosten und gefährden möglicherweise die Wiederwahl, da sie bei den Bürgern häufig auf den ersten Blick unbeliebt sind.

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Möglich wären Steuersenkungen oder Infrastrukturprogramme

Vor diesem Hintergrund wird die Politik gerne dem Ruf nach dem Staat folgen. Die niedrige Inflation, das schwache Lohnwachstum und die in vielen Ländern des Euroraums immer noch hohe Arbeitslosenrate sprechen dafür, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu schwach ist und einen staatlichen „Anschub“ gut vertragen könnte. Das kann  zum einen durch Steuersenkungen umgesetzt werden. Die Bürger haben dann mehr Geld netto in der Tasche und können so ihre Konsumausgaben steigern. Aus Anlegersicht profitieren von solchen Maßnahmen Konsumwerte.

Zum anderen kann der Staat auch seine eigenen Ausgaben ausweiten. Dabei bieten sich insbesondere Infrastrukturprojekte an. Jeder Autofahrer weiß zum Beispiel, in was für einem miserablen Zustand die Straßen und Brücken in Deutschland sind, was für Staus und somit für milliardenschwere volkswirtschaftliche Schäden sorgt. Mit Kindergärten, Schulen und Universitäten sieht es kaum besser aus. Generell hat sich in den vergangenen Jahren in den Industriestaaten die Qualität der Infrastruktur spürbar verschlechtert. Entsprechende Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen kämen in erster Linie Baufirmen zugute.

Unter dem Strich könnte etwas mehr Fiskalpolitik in mehrfacher Hinsicht tatsächlich das richtige Mittel zur richtigen Zeit sein. Sie ist derzeit historisch günstig zu finanzieren, würde die private und staatliche Nachfrage anschieben und könnte den Notenbanken etwas Luft verschaffen, ihre Zinspolitik ein wenig zu normalisieren. Durch die richtige Aktienselektion könnte der Privatanleger ebenfalls profitieren.

ReinhardPfingstenQuer

Als einer der führenden Köpfe von Hauck & Aufhäusers Privatbankiers und medienpräsenter Geldanlage-Experte, hält Reinhard Pfingsten seit Mai 2016 zudem die Position als Chief Investment Officer (CIO) von easyfolio inne. In seinem Monatskommentar schreibt er, was die Weltwirtschaft derzeit bewegt.

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