Sind die Anleger zu sorglos?

Sind die Anleger zu sorglos?

Die Rally an den Aktienmärkten geht mit ungewöhnlich niedrigen Schwankungen einher. Seit rund eineinhalb Jahren sinkt – mit kleinen Aufs und Abs – der Volatilitätsindex VDAX New. Das sogenannte Angstbarometer gibt an, welche Schwankungen in den nächsten 30 Tagen an den Terminmärkten für die 30 DAX-Aktien erwartet werden. Vereinfacht gesagt signalisiert der VDAX New, wie sehr sich die Anleger vor möglichen Risiken fürchten. Derzeit notiert der VDAX New bei rund 15 Punkten – das ist historisch betrachtet eher am unteren Ende der Bandbreite. Es herrscht also eine große Sorglosigkeit. In den USA zeigt sich ein ganz ähnliches Bild.

Damit stellt sich die Frage: Kann es zu Volatilitätssprüngen kommen und lassen sich diese vorhersagen? Käme es dazu, würden wir sicherlich wieder spürbar niedrigere Aktienkurse sehen. Denn Börsianer interpretieren höhere Schwankungen immer vor allem als größere Risiken, was generell schlecht für Aktien ist.

Zu höheren Volatilitäten kommt es wahrscheinlich dann, wenn sich eine oder mehrere der derzeit durchweg positiven Rahmenbedingungen ins Negative verkehren. Einer der Haupttreiber für die steigenden Aktienkurse war in den vergangenen Monaten das robuste konjunkturelle Umfeld. Der ZEW-Index (Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung), der in Deutschland die Konjunkturerwartungen von rund 200 Analysten und Profi-Anlegern widerspiegelt, stieg im November von 17,6 auf 18,7 Punkte. Hier ist also alles im Lot. Der Ifo-Geschäftsklimaindex erreichte zuletzt sogar einen neuen Rekordstand. Die Volkswirtschaften der anderen großen Industrienationen wachsen ebenfalls spürbar und gleichzeitig sogar in einem ungewohnt synchronen Tempo. Von Seiten der Konjunktur gehen erst einmal kaum Risiken aus.

Ähnliches gilt für die Geldpolitik der wichtigsten Notenbanken. Zinsen sind der zweite wichtige Treiber für Aktienkurse. Zwar erwarten die Börsianer, dass die amerikanische Fed im Dezember noch einmal die Leitzinsen um einen viertel Punkt auf dann 1,25 bis 1,5 Prozent anhebt. Anleger sollten jedoch bedenken, dass das Zinsniveau früher deutlich höher lag: 2007 vor der Lehman-Pleite zum Beispiel bei mehr als fünf Prozent, oder in den Nullerjahren vor dem Platzen der Internet-Blase sogar bei 6,5 Prozent. So gesehen fährt die Fed auch weiterhin einen eher expansiven geldpolitischen Kurs. Und die Europäische Zentralbank (EZB) hat gerade erst angekündigt, ihr Anleihekaufprogramm – wenn auch in einem reduzierten Umfang – um weitere neun Monate zu verlängern. Gleichzeitig ist in Euro-Land vor Ende 2018 wohl kaum ein erster Leitzinsschritt in Sicht. Zudem sind die Maßnahmen von Fed, EZB & Co. bereits bekannt und in den Kursen eingepreist. Unliebsame Überraschungen sind von den Notenbanken derzeit eher nicht zu erwarten.

Ein möglicher Störfaktor für die Aktienmärkte wäre es, wenn US-Präsident Donald Trump auch mit der angekündigten Steuerreform scheitert. Angesichts der nur knappen Mehrheit der Republikaner im Senat ist das durchaus denkbar. Bislang hat es allerdings die Börsianer nur wenig gekümmert, ob Trump seine Wahlkampfversprechen umsetzt oder nicht.

Vielleicht sorgt ein exogener Schock, den die Anleger heute noch gar nicht auf der Rechnung haben, dafür, dass die Marktteilnehmer die Risiken wieder stärker fokussieren. Das wäre nicht das erste Mal. Einen sogenannten schwarzen Schwan vorherzusagen, ist aber nicht möglich. Denn er ist ja per Definition bislang unbekannt.

Unter dem Strich dürfte die Sorglosigkeit der Anleger noch eine Zeit lang anhalten. Das gilt vor allem für die saisonal guten Börsenmonate November und Dezember. Aktien würden davon weiter profitieren.

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