USA und Europa driften auseinander

USA und Europa driften auseinander

Die Kluft diesseits und jenseits des Atlantiks wird immer größer. Das gilt für die Geldpolitik, die Aktien- und die Rentenmärkte.

Die amerikanische Notenbank Fed hatte schon vor viereinhalb Jahren damit begonnen, ihre Anleihenkäufe zu reduzieren. Vor zweieinhalb Jahren folgte dann die erste Leitzinserhöhung. Nach dem bislang letzten Zinsschritt stehen die Leitzinsen in den USA schon wieder bei 1,75 bis zwei Prozent. Von solchen Maßnahmen ist die Europäische Zentralbank (EZB) noch weit entfernt. Ihre Anleihekäufe wollen die europäischen Geldhüter erst zum Jahresende einstellen. Eine erste Zinserhöhung ist nicht vor Herbst 2019 zu erwarten. Kurz gesagt: Die Fed agiert falkenhaft, die EZB taubenhaft.

Dass ein Umschwenken einer Notenbank von einer expansiven auf einen restriktiven Kurs nicht schlecht für die Aktienmärkte sein muss, haben die USA gezeigt. Seit dem Kursschwenk der Fed bei ihrer Geldpolitik ist der Dow Jones bis heute um ziemlich genau 50 Prozent gestiegen. Das lag zum einen daran, dass die amerikanische Notenbank anfangs ein geringes Tempo bei ihren Maßnahmen vorlegte und diese überschaubar waren. Zum anderen interpretierten die Anleger das Umschalten der Fed als Zeichen für die Stärke der amerikanischen Wirtschaft.

Blaupause für Europa

Ähnliches könnte sich in Europa wiederholen. Denn die derzeitige Konjunkturschwäche dürfte nur von vorübergehender Natur sein. Zwar hat sich in Deutschland der Ifo-Index in den zurückliegenden Monaten zurückgebildet. Es sind jedoch kaum Faktoren zu erkennen, die für einen nachhaltigen konjunkturellen Abschwung sprechen. Die Beschäftigung ist hoch, die Arbeitslosenquoten fallen, die Nettolöhne steigen. Der einzige Makel ist der Mangel an qualifizierten Fachkräften. Die Konsumnachfrage sollte also keinen Abbruch erleiden. Die Investitionspläne von Unternehmen dürften durch mangelnde Nachfrage nicht beeinträchtigt werden.

Außerdem unterstützt der schwächere Euro die Konjunktur. Immerhin hat die europäische Gemeinschaftswährung seit Februar gegenüber dem Dollar gut sieben Prozent an Wert verloren. Zum einen ist das gut für die europäische Exportwirtschaft. Sie gewinnt preislich außerhalb des Euro-Raums an Wettbewerbsfähigkeit. Außerdem steigen die dort erzielten Gewinne durch den günstigeren Wechselkurs bei der Umrechnung in Euro. Beides ist gut für die Konjunktur, was wiederum die Inflation antreibt. Der schwächere Euro unterstützt ebenfalls die Inflation, da importierte Güter und Dienstleistungen sich verteuern. Das dürfte der EZB helfen, ihr Inflationsziel von knapp zwei Prozent zu erreichen.

Derzeit sehen wir eigentlich nur zwei ernstzunehmende Risiken für Aktien: Zum einen eine Eskalation des Handelsstreits zwischen den USA und China beziehungsweise Europa. Zum andere könnte die Fed ihren restriktiven geldpolitischen Kurs überziehen. Beide Risiken halten wir jedoch für eher begrenzt.

Europa bei Aktien vor USA

Derzeit raten wir, europäische Aktien höher als die aus den USA zu gewichten. Zwar fällt dort das erwartete Gewinnwachstum der Unternehmen höher aus, doch die 500 größten in den USA börsennotierten Unternehmen werden voraussichtlich auf Sicht der kommenden zwölf Monate ihre Gewinne um zwölf Prozent steigern können. Bei europäischen Firmen fallen die Prognosen mit acht Prozent spürbar geringer aus. Zuletzt wurden die Gewinnerwartungen insbesondere in Europa jedoch etwas nach oben revidiert. Hier besteht das größere Überraschungspotenzial.

Außerdem sind europäische Aktien günstiger bewertet. Gemessen beispielsweise an Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGVs) sind sie preiswerter als US-Titel. Die Risikoprämie ist höher, was – Stichwort: Italien – nicht zu Unrecht der Fall ist. Es gilt jedoch auch, dass genau solche Kombinationen sich dann in starken Kurszuwächsen entladen können, wenn die Gewinnerwartungen getroffen, besser noch etwas übertroffen werden.

Zu den Rentenmärkten: US-Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit werfen derzeit fast drei Prozent Zinsen ab. Entsprechende deutsche Bundesanleihen rentieren dagegen mit weniger als 0,5 Prozent. Im direkten Zinsvergleich haben somit amerikanische Staatsanleihen die Nase vorn. In Europa bleiben Anleihen bester Qualität – wie Bundesanleihen – teuer und eignen sich nur als Absicherung gegen Krisen jeder Art.

Burkhard Allgeier hält die Position als Chief Investment Officer (CIO) von Hauck & Aufhäuser Privatbankiers und easyfolio inne.

 

 

Bleiben Sie auf dem Laufenden...
...und melden Sie sich zum Newsletter an Jetzt anmelden

Weitere interessante Artikel

  • Die Aussichten für Aktien sind durchmischt Die Schwankungen an den Aktienmärkten haben in der ersten Hälfte des laufenden Jahres spürbar zugenommen. Im Februar waren es Inflationssorgen und Zinsängste, die die Anleger beunruhigten. Im Mai sorgte dann die schwierige Regierungsbildung in Italien für Unruhe, bevor im Juni der […]
  • Ein Zinscrash ist unwahrscheinlich Fundamental betrachtet gelten derzeit steigende Zinsen wohl als das größte Risiko an den Aktienmärkten. In den USA sind die Renditen von zehnjährigen Staatsanleihen bereits auf drei Prozent geklettert. Doch eine noch schärfere Korrektur am Anleihenmarkt ist kaum wahrscheinlich.